„Zeit zum Zuhören“ – Zuhören und Verstehen miteinander üben
Die Kunst des Zuhörens und Verstehens in Dialogsituationen
Ein Bericht von Anette Wichmann
Vielerorts wird ein Auseinanderdriften der Gesellschaft beklagt. Menschen bewegen sich nur noch in ihrer eigenen Bezugsgruppe, ihrer „Blase“. Ein Begegnen und Auseinandersetzen mit anderen, nicht bekannten oder abgelehnten Sichtweisen findet kaum noch statt. Jede Sichtweise bleibt für sich, Kompromisse als verbindende Brücken erscheinen schwieriger oder gar aussichtslos.
Unsere dreistündige Abendveranstaltung am 3. Dezember 2025 war eine Kooperation der EEB Braunschweig und der EEB Hannover. Wir haben Methoden des Zuhörens online vorgestellt und auch online miteinander erprobt. Eingeladen waren alle Interessierten, aber angesprochen fühlten sich hauptsächlich wohl jene, die selbst Teil von Gruppen, Gremienarbeit oder Kirchenvorständen sind oder diese leiten und ihre Kommunikationskompetenz erweitern wollten.
Für uns war es auch ein kleines Experiment, diese Übungen, die sonst nur in Präsenzformaten durchgeführt werden, online anzubieten. Aber der Versuch war erfolgreich.
Kees Wiebering, unser Referent, arbeitet seit 2004 als Organisationsberater, Mediator, Moderator und Coach und begleitet persönliche und organisatorische Veränderungsprozesse, vor allem im Kontext von Non-Profit Organisationen. Kennengelernt hatten wir ihn als Trainer in der EEB-Fortbildung „Mutig im Konflikt – Brücken bauen in einer polarisierten Gesellschaft“. Schon damals waren Zuhör-Übungen im optionalen Abendprogramm enthalten und wir hatten sie als sehr wirkmächtig und beeindruckend in Erinnerung behalten.
Zuhörübungen ermöglichen es Menschen, sich anderen sachlich und emotional mitzuteilen, individuelle Sichtweisen zu Gehör zu bringen und einen respektvollen Weg des Zuhörens einzuüben. Dadurch wird ein tieferes Verständnis für andere Sicht- und Handlungsweisen gefördert.
Die Übungen kamen aus dem Bereich der Dialogtechniken nach David Boom und William Isaac sowie aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, zu denen wir einleitend einen kleinen theoretischen Impuls unseres Trainers erhielten.
Die wichtigste Erfahrung, die Teilnehmende bei der ersten Übung machen konnten, war die Kraft der ungestörten Rede, in der sich die Gedanken beim Sprechen ungewohnt frei entwickeln dürfen und dabei im eigenen Reflexionsprozess zunehmend, mit jeder „Runde“, an Tiefe gewinnen. Eine Person spricht ohne Unterbrechung 4 Minuten lang und die anderen hören nur zu, ohne Rückfragen zu stellen. Dann ist die nächste Person dran und so weiter, bis alle gesprochen haben. Danach beginnt eine zweite Runde in der gleichen Reihenfolge, mit gleichen Zeitintervallen, zur selben Fragestellung. In unserem Fall war es die provokante Frage: „Inwieweit ist die Zukunft rosig?“
Alle sprechen persönlich und aus der eigenen Sichtweise, Haltung und Erfahrung heraus. Das ruhige Hören der anderen Wortbeiträge vertieft den eigenen Gedankenprozess und erst in der dritten Runde ist dann freies Diskutieren und Rückfragen möglich. Das Gespräch gewinnt durch diesen Prozess an erstaunlicher Tiefe und wir kommen miteinander zu neuen Erkenntnissen. Darüber hinaus entwickelt sich ein viel empathischeres Verständnis für die Sichtweisen der anderen Dialogteilnehmenden.
Für eine zweite Übung hatten wir uns die Frage gestellt: „Was ist Gerechtigkeit zwischen den Generationen?“ und haben dabei die Wirkung des ausgiebigen Schweigens oder Pausierens zwischen den unterschiedlich langen Wortbeiträgen erprobt. Nicht gleich etwas entgegnen, sondern erst einmal das Hören nachklingen lassen. Diese Erfahrung ist fast noch intensiver, wie ich finde, denn im mindestens 30-45 Sekunden langen Pausieren hallt das zuvor Gesprochene und Gedachte nach und eröffnet neue, viel tiefere Reflexionsräume.
Intensiv haben sich an diesem Abend die Teilnehmenden mit den unterschiedlichen Haltungen und Erfahrungen ihrer Gruppenmitglieder auseinandergesetzt und konnten die persönliche Erfahrung machen, dass sich Kontakt ganz anders anfühlt, wenn die Dialoge von gegenseitigem Respekt getragen sind. Ein echter Beitrag zum Frieden und ein Schlüssel für mehr Erkenntnis und Kreativität in Gruppenprozessen!
Anette Wichmann, 28.1.2026
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